von Nicole Wuttig
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19. März 2026
Kennst du diese leise Stimme in dir, die plötzlich ganz laut wird? Die sagt: „Das hättest du besser machen müssen.“ „Du solltest dich endlich mehr zusammenreißen.“ „So kannst du doch nicht weitermachen.“ Vielleicht kommt sie nach einem Gespräch. Nach einem Arbeitstag. Oder einfach dann, wenn es kurz still wird. Und irgendwie fühlt sie sich… vertraut an. Fast so, als würde sie zu dir gehören. Eine Klientin saß mir gegenüber und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich mache ständig etwas falsch.“ Sie erzählte von einem Gespräch mit ihrem Chef. Eigentlich war nichts Dramatisches passiert. Und doch lief danach in ihr ein innerer Film: „Du hättest dich besser durchsetzen müssen. W arum sagst du nie klar, was du willst?, Andere kriegen das doch auch hin.“ Ein paar Tage später, zeigte sich die Stimme in einem ganz anderen Moment. Sie stand morgens vor dem Spiegel. Und wieder diese Gedanken: „Du solltest mal wieder mehr auf dich achten. So kannst du dich doch nicht gehen lassen.“ Sie hielt kurz inne. Und sagte dann einen Satz, der hängen blieb: „Ich bin nie wirklich zufrieden mit mir. Immer habe ich etwas an mir rum zu kritteln. Ich will am liebsten, dass diese Stimme ein für alle mal weggeht.“ Im Coaching habe ich sie gefragt: „Was, wenn diese Stimme, diese Gedanken nicht dein Problem sind?“ Stille. Irritation. Und dann diese leise Frage: „Wie meinst du das?“ Vielleicht hilft dir ein Gedanke, der für viele Frauen eine große Erleichterung ist: Viele Frauen erleben diese Form von Selbstkritik sehr intensiv und häufig. Und sie ist einer der größten Faktoren für inneren Druck. Aber entscheidend ist nicht, welche Stimme du hörst bzw. welche Gedanken du hast, sondern: Wie du damit umgehst. Was, wenn diese Stimme nicht gegen dich arbeitet – sondern für dich? Vielleicht ist die Frage also gar nicht: Wie werde ich diese Stimme los? Sondern: Wem gehört diese Stimme eigentlich? Und was versucht sie für dich zu tun? Oft erkennen wir unbewusste Prägungen an diesen Worten: hätte sollte müsste Kommen diese Worte häufig in den Sätzen vor, die du innerlich hörst, hast du ein Anzeichen dafür, dass das, was sich hier in dir zeigt, etwas ist, dass du übernommen hast. Die Anteile tragen selten deine eigene Wahrheit. Sondern eben Erwartungen anderer. Alte Maßstäbe bspw. von Beziehungspersonen Eltern, Lehrer, Freunden - dem Umfeld in dem du groß geworden bist ... Die Botschaften, die zwischen den Zeilen liegen können lauten: "Beeil dich.", "Sein angepasst.", "Mach es richtig." oder "Streng dich mehr an." Das Paradoxe ist, dass sich diese Gedanken einerseits vertraut anfühlen, weil sie uns schon so viele Jahre begleiten und andererseits nicht wirklich stimmig sind in unserem Erleben und wir sie am liebsten weg haben wollen. Aber alles, wogegen wir in den Widerstand gehen, wird sich eher verstärken, vor allem in stressigen Zeiten, wenn unser Nervensystem auf alt bekannte Muster zurückgreift, um Energie zu sparen. Im Coaching arbeite ich deshalb oft nicht dagegen. Sondern mit der Stimme, dem Gedanken, dem Gefühl oder der Haltung. Äußern können sich diese übernommenen Prägungen nämlich auf vielerlei Weise. Ich lade meine Klientinnen ein, die inneren Anteile sichtbar zu machen. Stell dir vor: Du sitzt an einem großen Tisch. Am Kopfende. Vor dir notierst du auf einem A4 Blatt, die verschiedenen Anteile, die dich häufig begleiten. Die, die dich bestärken und die, die dich schwächen. Da kommen Begriffe, wie: die Kritikerin die Perfektionistin die Starke die Leise die Sportliche die Erschöpfte die Überforderte die, die endlich für sich einstehen möchte ... Vielleicht auch Anteile, die du bisher gar nicht sehen wolltest. Sie nutzen Sätze, die so oder so ähnlich klingen: „Ich müsste…“ das besser im Griff haben. endlich strukturierter sein. mehr schaffen als das, was ich bisher geschafft habe. mich mehr zusammenreißen. -> die Energie dahinter: Druck, Kontrolle, „nicht genug sein“ „Ich sollte…“ mich nicht so anstellen. dankbarer sein. mehr auf mich achten. mich nicht so fühlen. das doch längst gelernt haben. -> Energie dahinter: Bewertung, Anpassung, moralischer Anspruch „Ich hätte…“ das anders sagen müssen. mich mehr durchsetzen sollen. das kommen sehen müssen. früher reagieren müssen. einfach besser sein müssen. -> Energie dahinter: Rückblick, Schuld, Selbstvorwurf Vielleicht erkennst du Gedanken in dem einen oder anderen Satz wieder. Und spürst die Energie dahinter deutlich: als Enge im Brustkorb, Druck im Kopf, flacher Atem, inneres Zusammenziehen. Und vielleicht merkst du auch: Diese Sätze haben etwas gemeinsam. Sie lassen dir keinen Raum, so zu sein, wie du gerade bist. Sie erzeugen kein Mitgefühl. Sie werten ab. Dich, dein Verhalten oder auch andere. An der Stelle stehst du vom Tisch auf und trittst einen Schritt zurück. Du nimmst eine Metaperspektive ein. Beobachtest. Du schaust auf diesen Tisch. Auf dieses innere System, was in dir wirkt. Und plötzlich wird aus den unzähligen Gedanken ein Zusammenhang. Wenn meine Klientinnen beginnen, in diese Anteile hinein zu spüren, kommen oft Sätze wie: „Eigentlich will dieser Anteil mich schützen.“ „Er hat Angst, dass ich Fehler mache.“ „Oder dass ich Ärger bekomme.“ „Oder dass jemand meine Grenzen überschreitet.“ „Er will mir Enttäuschung ersparen.“ Und genau hier entsteht etwas Neues. Nicht plötzlich, nicht laut, sondern leise. Du lehnst nicht ab, weder dich, noch den Anteil oder den Gedanken in dir. Du gehst nicht in den Widerstand. Du nimmst erstmal nur wahr. Du hältst den Raum für dich. Vielleicht magst du heute einmal innehalten, wenn dieses „Ich sollte…“ oder „Ich müsste…“ auftaucht. Und dich leise fragen: Ist das wirklich meine Stimme? Oder eine, die ich irgendwann übernommen habe? Welcher Name könnte zu ihr passen? Wofür könnte sie in mir sein? Was könnte ihr "Auftrag" sein? Und vielleicht entsteht genau dort der erste Moment von Klarheit und mehr innerer Ruhe.