Die Not-to-do-Liste
Nicole Wuttig
Wie ein 3,50 € Adventskalender unerwartet für mehr Leichtigkeit sorgte - oder: Ich mach das jetzt mal nicht!

- Partnerschaft.
- Karriere.
- Kinder.
- Sportlich bleiben.
- Gut aussehen.
- Ein schönes Zuhause haben.
Und ganz nebenbei natürlich eine liebevolle, entspannte Mutter sein.
Viele Frauen zwischen 35 und 55 kennen dieses Gefühl nur zu gut – die berühmte Rushhour des Lebens.
Eine meiner Klientinnen hat mir dazu einmal eine Geschichte erzählt, die ich bis heute gerne teile.
Der perfekte Adventskalender
Der November hatte gerade erst begonnen und meine Klientin war eigentlich schon seit Wochen ziemlich erschöpft.
Im Job ambitioniert. Zu Hause eine liebevolle Mama für zwei Kinder. Und jemand, der sich grundsätzlich Mühe gibt.
Also stand auch in diesem Jahr wieder ein fester Punkt auf ihrer inneren Liste:
Ein selbstgebastelter Adventskalender für die Kinder. Aber natürlich nicht irgendeiner. Der Inhalt sollte pädagogisch sinnvoll sein, hochwertig, kreativ, möglichst nachhaltig, und am besten auch noch ein bisschen besonders. Schließlich sollte der Kalender ja zeigen, wie viel Liebe darin steckt.
Und – wenn wir ehrlich sind – vielleicht auch ein kleines bisschen, wie engagiert sie trotz all dem Stress drum herum als Mutter ist.
Der Plan
Also begann sie innerlich schon zu planen. Pinterest durchsuchen. Ideen sammeln. Zubehör kaufen. Kleine Überraschungen überlegen. Irgendwo zwischen Zähneputzen, erschöpft auf der Couch liegen und dem ins Bett fallen wollte sie das alles noch unterbringen. Ganz normaler Alltag eben. Viele von uns, habe ihre Version dieser Geschichte.
Doch dann kam ihr Mann. Als sie ihm von ihrem Adventskalender-Projekt erzählte und schon ausholen wollte, was dafür noch alles zu erledigen sei, sagte er ganz ruhig:
„Nein. Dieses Jahr holen wir einfach einen Schokokalender für 3,50 €.“
Stille.
Meine Klientin hat mir erzählt, dass sie in diesem Moment innerlich kurz zusammengebrochen ist.
Ein einfacher Schokokalender?
In ihrem Kopf liefen sofort Gedanken los: Sitzen die Kinder dann jeden Morgen enttäuscht am Frühstückstisch und fragen, warum sie keinen "richtigen" Adventskalender kriegen? Was erzählen sie dann ihren Freunden in der Schule? Was sagt das über uns als Eltern aus?
Und irgendwo ganz tief darunter noch ein anderer Gedanke:
Bedeutet das, dass er mich nicht unterstützen will beim Basteln und die ganze Arbeit mal wieder an mir hängen bleibt? Er sieht doch, was ich hier schon alles mache. Immer lässt er mich allein damit.
Typisch.
Ehe sie sich versieht, hört sie sich folgendes sagen:
„Dann wenigstens einen hochwertigen.“
Der eigene Anspruch lässt sich eben nicht so leicht abschütteln.
Doch ihr Mann blieb völlig entspannt.
„Nein. Wir holen die einfachen aus der Drogerie. Ich besorge sie diese Woche. Das ist ok.“
Und dann passierte etwas Überraschendes.
Unerwartet.
Nach der ersten Empörung kam plötzlich ein anderes Gefühl.
Erleichterung.
Jemand hatte ihren Anspruch nicht hinterfragt – sondern ihn einfach ersetzt.
Nach unten korrigiert.
Einfach so.
Und dann kam der Dezember
Der Advent begann.
Die Kinder standen jeden Morgen am Frühstückstisch, öffneten neugierig ihr Türchen und freuten sich über die kleine Schokolade.
Mehr wollten sie gar nicht.
Kein pädagogisches Konzept.
Keine nachhaltige Verpackungsphilosophie.
Keine perfekt kuratierten Überraschungen.
Einfach nur ein Adventskalender.
Und ein schöner gemeinsamer Moment am Morgen.
Vielleicht brauchen wir manchmal keine neue To-do-Liste.
Viele Frauen versuchen, ihr Leben mit noch besseren Strategien zu organisieren.
- Mehr Struktur.
- Mehr Planung.
- Mehr Optimierung.
Nur Leichtigkeit entsteht im Alltag nicht von allein und ganz sicher nicht durch noch mehr Aufgaben.
Sondern durch weniger.
Vielleicht brauchen wir ab und zu einfach eine kleine Not-to-do-Liste.
Eine Liste mit Dingen, die wir bewusst nicht mehr tun müssen.
Vor allem nicht, wenn sie nur dazu dienen einem Idealbild von uns selbst oder anderen zu entsprechen.
Der selbstgebastelte Adventskalender kann dazugehören.
Und vielleicht entsteht genau dort ein kleiner Moment von Klarheit, Leichtigkeit und innerer Ruhe.
Was könnte auf deiner persönlichen Not-to-do-Liste stehen?
Nimm dir doch mal einen Zettel und beginne darüber nachzudenken.
Bezieh gern deinen Partner, deine Kinder oder dein Umfeld mit ein.
Vielleicht bist du überrascht, was du plötzlich alles nicht mehr tun "musst".

Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt: Diese Stimme ist noch da. Nicht ganz so laut vielleicht. Aber spürbar. Und vielleicht fragst du dich: „Wie gehe ich jetzt damit um?“ Die Klientin saß einige Wochen später wieder vor mir. „Ich verstehe jetzt, woher diese Stimme kommt“, sagte sie. „Aber sie ist trotzdem noch da.“ Sie erzählte von einer Situation in ihrem Job. Sie arbeitete an einer wichtigen Vorstands-Präsentation, die sie halten sollte. Und sofort kam wieder dieser Gedanke in ihr auf: „Du solltest das perfekt machen.“ Sie merkte, wie sich ihr Körper anspannte. Wie ihr Atem flacher wurde. Wie dieser alte Druck zurückkam. Doch diesmal hielt sie bewusst inne, sie nahm die Veränderungen wahr. Sie wusste, dass die Stimme eigentlich eine gute Absicht hatte. „Bevor mir das bewusst war, hätte ich einfach weitergemacht“, sagte sie. „Ich hätte noch mehr gemacht. Noch länger. Noch perfekter.“ Kurze Pause. „Und mich dabei komplett verloren.“ Diesmal war es anders. Sie lehnte sich zurück. Schloss für einen Moment die Augen. Atmete einmal durch. Und sagte leise zu sich selbst: „Okay… ich höre dich. Ich möchte auch ein gutes Ergebnis. Ich mache das, was heute drin ist." „Es war, als hätte ich plötzlich einen kleinen Abstand und eine gewisse Souveränität in mir selbst dazu gewonnen“, sagte sie. „Als würde mich die Stimme nicht mehr komplett kleinmachen.“ Und dann kam ein neuer Gedanke. Ganz leise: „Ich kann das Schritt für Schritt machen. Und das ist okay.“ Ich habe sie gefragt, wie sich dieser kleine Erfolg angefühlt hat. Und nachdem sie mir ihre Erleichterung darüber erzählt hat, folgendes angeboten: „Was, wenn du dieser Stimme einen wertschätzenden Ton, eine wohlwollendere Haltung beibringst?“ Vielleicht erinnerst du dich: Diese Stimme ist geprägt. Sie ist nicht einfach „du“. Sondern ein inneres Muster aus Erfahrungen, Erwartungen und alten Rollen. Und genau deshalb ist sie veränderbar. Unsere inneren Anteile verschwinden nicht. Aber sie können lernen. Statt: „Ich müsste das perfekt machen.“ entsteht vielleicht: Ich will das gut machen. Ich darf dazulernen. Ich kann meinen Weg finden und dabei Fehler machen. Ich werde eine Lösung finden. Vier Worte, die etwas in dir verschieben: wollen dürfen können werden Diese Worte führen dich zurück in deine Handlungsfähigkeit. In deine Selbstwirksamkeit. Und genau dort entsteht etwas, das viele lange vermissen: Leichtigkeit Nicht, weil alles einfacher wird. Sondern weil du dich anders in dir selbst erlebst. Auch dein Körper reagiert darauf: Diese Form von Sprache aktiviert Bereiche im Frontallappen, die mit Motivation, Klarheit und Handeln verbunden sind. Du kommst raus aus dem inneren Druck – und hinein in Bewegung. Und je öfter du diese Worte nutzt, desto mehr verändert sich dein inneres Bild von dir. Und damit auch dein "kritischer" Blick auf dich selbst. Vielleicht magst du heute einmal darauf achten, wann in dir ein „Ich müsste…“ auftaucht. Und dann sanft fragen: Was würde passieren, wenn daraus ein „Ich kann…“ wird? Oder ein „Ich darf…“? Nicht als Druck. Sondern als Einladung. Eine Einladung darfst du auch ablehnen, wenn es mal nicht passt. ;) Es geht vielleicht nicht darum, deine inneren Stimmen loszuwerden. Sondern darum, dass sie lernen, so mit dir zu sprechen, dass sie dich unterstützen.

Kennst du diese leise Stimme in dir, die plötzlich ganz laut wird? Die sagt: „Das hättest du besser machen müssen.“ „Du solltest dich endlich mehr zusammenreißen.“ „So kannst du doch nicht weitermachen.“ Vielleicht kommt sie nach einem Gespräch. Nach einem Arbeitstag. Oder einfach dann, wenn es kurz still wird. Und irgendwie fühlt sie sich… vertraut an. Fast so, als würde sie zu dir gehören. Eine Klientin saß mir gegenüber und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich mache ständig etwas falsch.“ Sie erzählte von einem Gespräch mit ihrem Chef. Eigentlich war nichts Dramatisches passiert. Und doch lief danach in ihr ein innerer Film: „Du hättest dich besser durchsetzen müssen.“ „Warum sagst du nie klar, was du willst?“ „Andere kriegen das doch auch hin.“ Ein paar Tage später – ein ganz anderer Moment. Sie stand morgens vor dem Spiegel. Und wieder diese Stimme: „Du solltest mal wieder mehr auf dich achten.“ „So kannst du dich doch nicht gehen lassen.“ Sie hielt kurz inne. Und sagte dann einen Satz, der hängen blieb: „Ich bin nie wirklich zufrieden mit mir.“ Im Coaching habe ich sie gefragt: „Was, wenn diese Stimme nicht dein Problem ist?“ Stille. Irritation. Und dann diese leise Frage: „Wie meinst du das?“ Vielleicht hilft dir ein Gedanke, der für viele Frauen eine große Erleichterung ist: Diese „innere Stimme“ in dir ist kein echtes Hören. Es ist ein inneres Selbstgespräch. Geprägt durch Erfahrungen. Durch Beziehungspersonen. Durch Erwartungen , die du irgendwann übernommen hast. Und oft trägt diese Stimme genau diese Prägung in sich. Vielleicht klingt sie streng . Bewertend. Kontrollierend. Vielleicht eher mütter- oder väterlich. Vielleicht eher leistungsorientiert. Vielleicht wie jemand, der früher wichtig für dich war. Und manchmal hat sie nicht einmal eine klare Stimme. Sondern eher einen Tonfall. Eine Haltung. Ein Gefühl von Druck. Eine Mischung aus: „Sei angepasst.“ „Mach es richtig.“ „Streng dich mehr an.“ Und genau deshalb fühlt sie sich so widersprüchlich an: Vertraut. Und doch nicht wirklich stimmig. Viele Frauen erleben diese Form von Selbstkritik sehr intensiv. Und sie ist einer der größten Faktoren für inneren Druck. Aber entscheidend ist nicht, welche Stimme du hörst. Sondern: Wie hart sie mit dir spricht. Was, wenn diese Stimme nicht gegen dich arbeitet – sondern für dich? Vielleicht ist die Frage also gar nicht: Wie werde ich diese Stimme los? Sondern: Wem gehört diese Stimme eigentlich? Und was versucht sie für dich zu tun? Oft erkennen wir unbewusste Prägungen an genau diesen Worten: hätte sollte müsste Sie tragen selten deine eigene Wahrheit. Sondern Erwartungen. Alte Maßstäbe. Im Coaching arbeite ich deshalb oft nicht gegen diese Stimme. Sondern mit ihr. Ich lade meine Klientinnen ein, ihre inneren Anteile sichtbar zu machen. Stell dir vor: Du sitzt an einem Tisch. Am Kopfende. Und um dich herum sitzen sie alle: die Kritikerin die Perfektionistin die Erschöpfte die, die einfach nur ihre Ruhe will die, die endlich für sich einstehen möchte ... Vielleicht auch Anteile, die du bisher gar nicht sehen wolltest. Alle nutzen unzählige Sätze, die so oder so ähnlich klingen: „Ich müsste…“ das besser im Griff haben. endlich strukturierter sein. mehr schaffen als das. mich mehr zusammenreißen. -> die Energie dahinter: Druck, Kontrolle, „nicht genug sein“ „Ich sollte…“ mich nicht so anstellen. dankbarer sein. mehr auf mich achten. mich nicht so fühlen. das doch längst gelernt haben. -> Energie dahinter: Bewertung, Anpassung, moralischer Anspruch „Ich hätte…“ das anders sagen müssen. mich mehr durchsetzen sollen. das kommen sehen müssen. früher reagieren müssen. einfach besser sein müssen. -> Energie dahinter: Rückblick, Schuld, Selbstvorwurf Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen Satz wieder. Und spürst die Energie dahinter deutlich: als Enge im Brustkorb, Druck im Kopf, flacher Atem, inneres Zusammenziehen. Und vielleicht merkst du auch: Diese Sätze haben etwas gemeinsam. Sie lassen dir keinen Raum. Keine Wahl. Kein Mitgefühl. Nur Druck. Und genau in diesem Moment kann etwas Neues entstehen. Nicht, indem du sofort etwas veränderst. Sondern indem du einen kleinen Schritt zurückgehst. Du gehst innerlich einen Schritt zurück. In eine Metaperspektive. Du schaust auf diesen Tisch. Auf dieses innere System, was in dir wirkt. Und plötzlich wird aus Chaos… Zusammenhang. Wenn meine Klientinnen beginnen, in diese Anteile hineinzuspüren, kommen oft Sätze wie: „Eigentlich will dieser Anteil mich schützen.“ „Er hat Angst, dass ich Fehler mache.“ „Oder dass ich Ärger bekomme.“ „Oder dass jemand meine Grenzen überschreitet.“ „Er will mir Enttäuschung ersparen.“ Und genau hier entsteht etwas Neues. Nicht plötzlich. Nicht laut. Sondern leise. Nicht Ablehnung. Sondern Verständnis. Impuls: Vielleicht magst du heute einmal innehalten, wenn dieses „Ich sollte…“ oder „Ich müsste…“ auftaucht. Und dich leise fragen: Ist das wirklich meine Stimme? Oder eine, die ich irgendwann übernommen habe? Wofür ist sie in mir? Welches Bedürfnis hat sie, was ist ihr "Auftrag"? Und vielleicht entsteht genau dort der erste Moment von Klarheit.